Betriebskonzept Quartiershaus

Ein Dorf hilft sich selbst

betriebskonzeptdeckblatt

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Ortenberger Quartiershaus SoNO – Betriebskonzept
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Betriebskonzept
für das Ortenberger Quartiershaus1
in „geteilter Verantwortung“2
(Stand: September 2016)
I. Ausgangslage
Mit der Lebenserwartung nimmt auch die Zahl der Hilfebedürftigen in unserer Gesell-schaft zu. Familien sind bei längerer Pflege von Angehörigen oft überfordert. Private wie öffentliche Finanzierungsmöglichkeiten stationärer Pflege stoßen zunehmend an ihre Grenzen.
Das Soziale Netzwerk Ortenberg e. V. (SoNO) wurde 2009 als gemeinnütziger Verein ge-gründet, um diesen Herausforderungen mit sozialer Kreativität und den örtlich mobili-sierbaren Ressourcen zu begegnen. Im Wege bürgerschaftlichen Engagements soll er-reicht werden, dass niemand aus Gründen von Hilfebedürftigkeit Ortenberg verlassen muss.
SoNO verfolgt grundsätzlich das Ziel, die Selbständigkeit Ortenberger Bürger/innen zu erhalten, wo möglich, wiederherzustellen und, wo nötig, auf Dauer helfend zu ergänzen.
SoNO unterstützt so den Generationenvertrag.
Im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen „unsere“ körperlich, mental und psychisch be-einträchtigten Bürger/innen, die Bewahrung ihrer Würde, ihre soziale und kulturelle Teil-habe an dem ihnen vertrauten und von ihnen gewünschten gesellschaftlichen Leben.
So hilft Ortenberg sich selbst.
II. Lokale Versorgungssicherheit – die Versorgungskette
Hilfebedarf stellt sich in aller Regel stufenweise ein. Deshalb bietet SoNO seine Unterstüt-zungsdienste auch in Form einer mehrgliedrigen Versorgungskette von ineinander grei-fenden Kettengliedern an.
Bislang existieren folgende Hilfeangebote, die auch stark nachgefragt und genutzt wer-den:
1 Der Begriff „Quartiershaus“ nimmt die Benennung und inhaltliche Füllung des „Kuratoriums Deutsche Altershilfe“ auf (s. Anhang), dargestellt in: Peter Michel-Auli/Christine Sowinski, Die 5. Generation: KDA-Quartiershäuser. Ansätze zur Neuausrichtung von Alten- und Pflegeheimen, 2. Aufl., Köln 2013 (Jubiläumsreihe „Zukunft gestalten“. Ansätze für die Praxis Band 6).
2 Der Begriff „Geteilte Verantwortung“ wird hier in doppelter Bedeutung verwendet. Zum einen kommt darin die Ge-meinsamkeit zum Ausdruck, welche die Realisierung des SoNO-Projektes überhaupt erst ermöglicht hat. Da ist an die Kooperation von Betroffenen und deren Angehörigen, die Gemeinde, den Pflege- und Assistenzdienst, den Bauträger und das bürgerschaftliche Engagement von Ortenberger/innen zu denken. In einem spezielleren Sinn bezieht sich SoNO mit diesem Begriff auf das Grundkonzept des „Freiburger Modells“, vorgestellt in: Thomas Klie/Birgit Schuhmacher, For-schungsbericht „Wohngruppen in geteilter Verantwortung für Menschen mit Demenz. Das Freiburger Modell“, publiziert im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Bundesministeriums für Gesundheit (o. Datum).
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II.1 Beratung
Beratung wird angeboten zur Klärung von Art und Umfang notwendiger Unterstützung, Pflegeeinstufungen, finanzieller Hilfen und Ansprüche, Wohnraumanpassung. Darüber hinaus geht es um die Vermittlung von Hilfen, die SoNO selbst nicht leisten kann. Oft kann die Beratung dazu verhelfen, die angeratene Unterstützungsleistung auch zu finanzieren.
II.2 „Erzähl-Café“
Offenes, niederschwelliges und kostenloses Angebot wöchentlich am Mittwochnachmit-tag mit mobilisierendem und mental anregendem, sozial-kommunikativem Animations-programm.
II.3 Ambulante Betreuungsdienste
Unterstützung in der Häuslichkeit, bei Nahrungszubereitung und Nahrungsaufnahme, Assistenz bei Körperpflege; Begleitung bei Einkauf, Arztbesuchen, Spaziergängen, Gang zum Friedhof; begleitete Fahrdienste.
Neu hinzukommen und die örtliche Versorgungskette implementieren soll nun eine
II.4 Selbstorganisierte gemeinschaftliche Wohngruppe
Im Rahmen eines multifunktionalen Gebäudekomplexes ist Raum vorgesehen für eine „Selbstorganisierte gemeinschaftliche Wohngruppe“3 von 12 Personen. SoNO bietet die-ser Gruppe alle gewünschten Betreuungsdienste an, die auch teil- und schrittweise in An-spruch genommen werden können.
Die Bewohner/innen beauftragen für pflegerische Aufgaben einen Pflegedienst. Dieser schließt einen Kooperationsvertrag mit einem Assistenzdienst ab, ggf. also mit SoNO.
Dem Betreuungsangebot legt SoNO folgende Vorstellungen zugrunde:
Das Wohnen der älteren und beeinträchtigten Menschen steht im Vordergrund. Pflege kommt zu Besuch – wie sonst auch in einer privaten Wohnung. Das Wohnen wird verbun-den mit hauswirtschaftlicher Versorgung und einer gemeinschaftlich gestalteten und er-lebten Tagesstruktur.
Die Bewohner/innen richten ihr Zimmer mit eigenen Möbeln ein.
Im Zentrum der Betreuung steht die gemeinsame Gestaltung des Alltags. Der Tagesablauf bewahrt so weit wie möglich die gewohnte Lebensnormalität, beteiligt die Bewohner ent-sprechend ihren Möglichkeiten an den anfallenden Tätigkeiten: Essensplanung, Einkau-fen, Essenzubereitung, Tisch decken, Raum dekorieren etc.
Das Wohnen inmitten des vertrauten Lebensumfelds hält die sozialen Netze lebendig: Familie, Nachbarschaft, Freundschaften.
3 Entsprechend WTPG Baden-Württemberg vom 01.06.2014, § 2, Abs. 3 (s. Anhang)
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Gewohnte Lebensbezüge bleiben erhalten (Arzt, Apotheke, Friseur, Bäcker etc.). Die Be-wohner können ihren Möglichkeiten entsprechend weiterhin am Dorfgeschehen teilha-ben (Kirche, Vereine, Feste etc.).
Den Tag verbringen die Bewohner/innen im Gemeinschaftsraum mit offener Küche. Be-treuungskräfte sorgen für abwechslungsreiche, tages- und wochenstrukturierende Anre-gungen und Beschäftigungen: Singen, Spielen, Gedächtnistraining, leichte Gymnastik, Backen, Versorgen von Blumen und ggf. Tieren, kreative Arbeiten etwa zum Jahreslauf, Feste und Feiern etc.
Auch bei zunehmendem Pflegebedarf können die Bewohner/innen zum Lebensende in der Wohngruppe verbleiben.
Notwendige Zwischenreflexion
Die folgenden Ausführungen sollen dazu dienen, einem vorfindlichen Dilemma auf verant-wortliche Weise zu entkommen.
Der Gesetzgeber legt großen Wert darauf, dass die Initiative zur Gründung einer selbstor-ganisierten gemeinschaftlichen Wohngruppe von den Betroffenen selbst auszugehen habe.
Dies ist in Ortenberg auch durchaus so der Fall gewesen, sind es doch gerade betroffene Angehörige gewesen, die sich zusammengetan und Mitstreiter gefunden haben mit dem Ziel, ein Verbleiben der alten Menschen im Dorf, „ihrer Alten“ also, dadurch zu ermögli-chen, dass eine umfassende Versorgungskette am Ort aufgebaut wird.
Die Initiative nahm in der Folge den Weg über die Gründung des Sozialen Netzwerkes Ortenberg e. V. (SoNO). Der Verein kümmerte sich zunächst um naheliegende Unterstüt-zungsleistungen (Ambulante Dienste, begleitete Fahrdienste, Erzähl-Café), von Anfang an freilich schon mit dem erklärten Ziel, eine Wohngruppe einzurichten, in der Ortenberger Bürgerinnen und Bürger bis zu ihrem letzten Atemzug bleiben und versorgt können wer-den.
Die Realisierung dieses letzten Gliedes in der Versorgungskette brauchte nun wider Er-warten Jahre mit immer wieder mühsamen und zeitraubenden Teilschritten. Gelingen konnte das Ganze nur so, dass SoNO diese komplizierte Planung stellvertretend, gleichsam als Geburtshelferin, in die Hand nahm. SoNO trat damit in notwendige Vorleistung und schuf so den Raum, damit die Aufgaben von Sorge und Pflege durch Bürger/innen in Ei-geninitiative wahrgenommen werden können. Selbstverständlich steht es den künftigen Mitgliedern der Wohngruppe frei, einen anderen Pflegeassistenzdienst zu wählen.
Das Ziel indessen, umfassende Versorgungssicherheit mit dem Erhalt größtmöglicher Selbständigkeit zu einem Konzept zu vereinen, machte es bei realistischer Betrachtung einfach nötig, dass SoNO zunächst in aktive Vorleistung trat. Nur so konnte beispielsweise ein geeignetes Grundstück und ein Bauträger gefunden und auch die Gemeinde als Gene-ralmieterin der Wohngruppenfläche gewonnen werden.
Die Intention des Gesetzes versucht SoNO auch insofern aufzunehmen, dass schon wäh-rend der Planungsphase ein „provisorischer Bewohnerrat“ von interessierten Betroffenen bzw. deren bevollmächtigten Angehörigen ins Leben gerufen werden soll, der bereits in der entscheidenden Planungsphase die Interessen der späteren Bewohnerschaft unabhängig vertritt. Zur Konstituierung des „provisorischen Bewohnerrates“ wird ein Bürgerforum im
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Frühjahr 2017 Gelegenheit bieten, bei dem bereits eine Liste zur Interessenanmeldung für die Wohngruppe ausliegen wird.
Diese Verantwortlichkeitsbeteiligung wird sich bereits bei der Formierung der ersten Wohngruppe sowie bei der Auswahl des Pflegedienstes auswirken. Zudem wird dieser Vor-trupp des späteren Bewohnerrates Einblick in die betriebswirtschaftliche Kalkulation nehmen und mit über die Höhe des Haushaltsentgeldes beraten.
III. Raumkonzept
III.1 „Haus am Ochsenbach“ – die Lage des Quartiershauses
Für das Quartiershaus steht ein großzügiges Grundstück in vorzüglicher Lage zur Verfü-gung. Das Haus stellt durch seine Lage, Wege und vielfältigen Funktionen eine neue Ver-bindung her zwischen Rathaus mit Dorfplatz und Festhalle sowie Kirche. Es trägt dazu bei, dass ein so bisher nur wenig wahrgenommenes Dorfzentrum entsteht.
Terrassen und ein gesichertes Gartengelände rund um das Haus bieten angenehme Auf-enthaltsplätze und Bewegungsmöglichkeit im Freien.
Direkt vom Haus aus laden ebene, autofreie Wege mit Sitzbänken zu Spaziergängen ein vorbei an Gärten, Wiesen und Feldern.
III.2 Das Gebäude
Das Quartiershaus entsteht in zentraler Dorflage. Alle wesentlichen Einkaufsmöglichkei-ten und Einrichtungen einschließlich Arzt und Apotheke befinden sich im Umkreis von 500 Metern.
Eigentümerin des Grundstücks und Bauträgerin ist die „Orbau Bauunternehmen GmbH“. Sie errichtet einen größeren Gebäudekomplex, der Raum bietet für folgende Nutzungen:
III.2.1 Räumlichkeiten für die ambulant betreute Wohngruppe
Für die Wohngruppe stehen 12 Einzelzimmer mit Nasszelle von jeweils 25 qm sowie ein Gemeinschaftsraum mit offener Küche zur Verfügung.
III.2.2 Räumlichkeit für SoNO („Atrium“)
Für SoNO ist ein multifunktionaler Raum vorgesehen, nutzbar zum stundenweisen Auf-enthalt einer Ansprechperson für Bewohner/innen, Angehörige und Mitarbeitende, als Veranstaltungsraum z. B. für Angehörigentreffen, Familienfeste, Mitarbeiterschulungen, SoNO-Sitzungen (Vorstand, Projektgruppen, Fortbildung, Supervision) sowie öffentliche SoNO-Events.
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III.2.3 Räumlichkeiten außerhalb des SoNO-Konzepts4
Ein vom Bauträger orbau bestellter Pflege-Betriebsträger verantwortet die im Folgenden genannten Angebote. Diese ergänzen auf willkommene Weise das „SoNO-Programm“, sind jedoch baulich, rechtlich und organisatorisch unabhängig.
 Zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften (trägergestützt)
 Tagespflege (auch nachts u. am Wochenende)
 Offener Mittagstisch
 19 Seniorenwohnungen mit intensivem Betreuungsangebot
IV. Personaleinsatz, Qualifizierung und Fortbildung
Pflegefachpersonal wird bei Bedarf hinzugezogen. Therapeutisches Fachpersonal sucht die Hausbewohner/innen in ihrem Zimmer auf. Wo dies notwendig ist, sorgen Angehörige oder SoNO für den Transport und die Begleitung zu den entsprechenden Einrichtungen (z.B. Arztbesuch).
Die Betreuungskräfte5 werden mit einem umfangreichen Qualifizierungskurs zugerüstet6 und ständig weitergebildet. Dazu gehört auch regelmäßige Supervision.
Ziel aller Begleitung und Betreuung ist es, den Bewohner/innen und Nutzern des Hauses durch freundliche Zuwendung und Wertschätzung, durch einfühlsames Achthaben auf die emotionale Ebene subjektives Wohlbefinden und ein Gefühl der Geborgenheit und der eigenen Würde zu vermitteln.
Maßstab für den Umgang mit den Bewohner/innen sind deren individuelle Wünsche und Bedürfnisse. Organisatorische Abläufe werden so weit wie möglich auf die Bedürfnisse der Bewohner/innen abgestimmt.
Der Bewohnerrat beschließt über den Umfang der Betreuungsleistungen7, die jeweils in Anspruch genommen werden sollen. Das SoNO-Angebot umfasst Assistenz beim An- und Auskleiden, Waschen und Duschen, Unterstützung bei der Vorbereitung (Kochen) sowie beim Einnehmen der Mahlzeiten, Unterstützung in den hauswirtschaftlichen Belangen, Organisation der Putzarbeiten.
4 Die Angebote außerhalb der SoNO-Verantwortung werden hier wegen ihrer Bedeutung für das integrierte Gesamtkon-zept in der Gemeinde Ortenberg aufgeführt. Für sämtliche Wohnungen und Einrichtungen im Gebäudekomplex gilt ein vorrangiges Angebot an Ortenberger Bürger/innen. Die Angebote des Bauträgers bzw. eines Betreibers ergänzen die SoNO-Angebote z. B. durch die Einrichtung einer Tagespflege, die ebenso wie die ambulanten Betreuungsdienste von SoNO zum Ziel hat, das Altwerden in der eigenen Häuslichkeit möglichst lange zu ermöglichen und die pflegenden Angehörigen zu entlasten. Das Quartiershaus unterstützt somit in seiner Gesamtheit das Anliegen, eine Anlaufstelle für ältere und pflegebedürftige Menschen in der Ortsmitte einzurichten.
5 So seit Herbst 2015 die Bezeichnung anstelle bisher „Alltagsbegleiter/in“.
6 Die von SoNO in eigener Regie organisierten Qualifizierungskurse entsprechen den Standarts nach §87 b Abs. 3 SGB XI.
7 Das Maximum an Betreuungsleistungen in einer ambulant betreuten Wohngruppe zeigt der Modelldienstplan im An-hang. Selbstverständlich kann der Bewohnerrat jederzeit auch eine reduzierte und damit kostengünstigere Betreuung beschließen.
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Während der übrigen Tageszeiten werden mentales Training, einfache Gruppengymnas-tik, Tanzen, Singen, Begegnung mit Tieren, Ausflüge, Kontakte zu Vereinen und örtlichen Einrichtungen (z.B. Kindergarten) angeboten. Dazu wird ein Wochenplan erstellt, der den Abwechslungsreichtum des Animationsangebotes garantieren und dokumentieren soll. Das „Erzähl-Café“ bildet an einem Nachmittag der Woche einen integrierten Teil des An-gebotes.
Ehrenamtliche sowie Angehörige sind zur weiteren Anreicherung des Animationsange-bots, in der Unterstützung hauswirtschaftlicher Dienste, zur Begleitung bei Spaziergängen jederzeit willkommen.
Übereinstimmende Erfahrungen in vergleichbaren Einrichtungen zeigen, dass bürger-schaftlich engagierte Betreuungskräfte, zumal beim Einsatz am eigenen Wohnort, eine hohe Motivation und Arbeitszufriedenheit aufweisen sowie ein hohes Maß an persona-ler Kontinuität garantieren.
V. Leitung und Organisation
Die von SoNO- Mitarbeitenden geleistete Betreuungsarbeit ist Teil der übergreifenden SoNO-Vereinstätigkeit. Insofern liegt die Gesamtverantwortung auch für die Einsätze der Betreuungskräfte im Quartiershaus beim Vereinsvorstand. In diesem sind beide Kirchen-gemeinden sowie der Bürgermeister qua Amt vertreten.
V.1 Leitungsstruktur
In der Leitungsstruktur kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass den Bedürfnissen der Hausbewohner/innen am besten und nachhaltigsten entsprochen werden kann, wenn das Prinzip der Wohngemeinschaften in „geteilter Verantwortung“ zwischen Bewoh-ner/innen und deren Angehörigen, Betreuungskräften, dem Pflegedienst sowie der Ge-meinde als Vermieterin zugrunde gelegt wird.
Erfahrungen im „Freiburger Modell“ zeigen, dass „geteilte Verantwortung“ einen prakti-kablen Ausweg bietet aus dem Dilemma vieler Angehöriger zwischen Überlastung hier und Abgabe jeglicher Verantwortung dort.
Darüber hinaus bietet sich für Angehörige eine ganze Palette von Möglichkeiten zur Mit-gestaltung des Alltags im Haus und in der Gruppe.
Aus organisatorisch fest verankerter „geteilten Verantwortung“ erwachsen besondere Qualitäten: Sie befördert es, flexibel auf wechselnde Bedürfnisse der Bewohner/innen einzugehen.
Die Zutrittsregeln zur Wohngruppe sind ähnlich wie im Privathaushalt und sorgen für eine natürliche soziale Kontrolle einerseits, für sozialen und kulturellen Austausch zwischen „drinnen“ und „draußen“ andererseits.
V.1.1 Bewohnerrat
Die Bewohner/innen der selbständig organisierten gemeinschaftlichen Wohngruppe bzw. deren bevollmächtigte Angehörige oder gesetzliche Betreuungspersonen bilden den Be-wohnerrat. Dieser wählt einen Sprecher/eine Sprecherin aus seiner Mitte, der die Interes-
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sen der Bewohner/innen nach außen vertritt. Der Bewohnerrat kann sich selbst eine Ord-nung zur Umsetzung der nach § 5 Abs. 2 WTPG erforderlichen Entscheidungen, insbeson-dere für ihre Abstimmung und Arbeitsweise geben. Über die Beschlüsse des Bewohnerra-tes wird Protokoll geführt.
Der Bewohnerrat hat im Wesentlichen folgende Rechte und Pflichten:
 Festlegungen über die Auswahl des Pflegedienstes und Sorge dafür, dass in Berei-chen des Wohnens, der sozialen Betreuung und der hauswirtschaftlichen Versor-gung die Eigenverantwortung der Bewohner in der Alltagsgestaltung und in der Auswahl des Pflegedienstes sowie des Assistenzdienstes gewahrt wird.
 Verantwortung für die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung der Bewoh-ner/rinnen
 Auswahl und Beauftragung des Pflegedienstes8
 Auswahl und Beauftragung des Assistenzdienstes sowie Bestimmung des perso-nellen und sachlichen Umfangs, in dem der Assistenzdienst tätig werden soll
 Auswahl neuer Bewohner/innen nach entsprechender Beratung im Kuratorium
V.1.3 Kuratorium („Herzstück“ der „Geteilten Verantwortung“)
Das Kuratorium setzt sich zusammen aus
 dem Sprecher/der Sprecherin des Bewohnerrates
 der für die Wohngemeinschaft zuständigen verantwortlichen Pflegekraft des Pfle-gedienstes/der Pflegedienste
 der vom Bewohnerrat bestimmten Person des Assistenzdienstes für die Aufgaben gemäß § 38 a SGB XI9
 sowie eines Vertreters/einer Vertreterin der Gemeinde Ortenberg (Hauptmieter)
Zu den Aufgaben des Kuratoriums gehören im Wesentlichen:
 Qualitätssicherung der Wohngemeinschaft10
 Aufarbeitung von Beschwerden
 Umsetzung der Entscheidungen des Bewohnerrates
V.2 Einbindung der Angehörigen
Die Einbindung von Angehörigen ist aus mehreren Gründen konstitutiver Bestandteil des Betreuungskonzepts:
8 Aus praktischen Gründen empfiehlt es sich sehr, einen gemeinsamen Pflegedienst zu beauftragen.
9 Nach § 38a Ziff. 1, Abs. 3 SGB XI haben Pflegebedürftige Anspruch auf einen pauschalen Zuschlag in Höhe von 205 € (ab 1.1.2017: 214 €) Euro monatlich („Wohngruppenzuschlag“), wenn eine Person von den Mitgliedern der Wohngruppe gemeinschaftlich beauftragt ist, unabhängig von der individuellen pflegerischen Versorgung allgemeine organisatorische, verwaltende, betreuende oder das Gemeinschaftsleben fördernde Tätigkeiten zu verrichten oder hauswirtschaftliche Unterstützung zu leisten.
10 Das Kuratorium ist dasjenige Gremium, in dem die „geteilte Verantwortung“ verankert ist und zum Tragen kommt. Es hat die Aufgabe, zwischen den unterschiedlichen Interessen aller Beteiligten zu vermitteln und so für eine gedeihliche, den Zielen der für das Ortenberger Quartiershaus grundlegenden Konzeption (s. Abschnitt I.) entsprechende Kooperation Sorge zu tragen. S. dazu auch die Kooperationsvereinbarung im Anhang.
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 Angehörige betreuungsbedürftiger Familienmitglieder sind selbst häufig in hohem Maße belastet. Nicht selten leiden sie unter Schuldgefühlen, weil sie Partner oder Partnerin, Vater oder Mutter nicht (mehr) selbst versorgen können. Zudem sind sie u. U. durch die vorangegangene emotional stark belastende häusliche Betreu-ung oft psychisch oder körperlich erschöpft.
 Für die wichtige Biographiearbeit in der Betreuung kommt den Gesprächen mit Angehörigen eine wichtige Rolle zu. Sie können helfen, „Anknüpfungspunkte“ aus früheren Lebenszeiten für die gegenwärtige Kommunikation mit mental Einge-schränkten aufzufinden.
 Enger Kontakt mit Angehörigen sowie deren selbstverständlicher Zutritt zum Haus, vor allem aber die Beteiligung an den Alltagsabläufen schaffen Vertrauen in die Qualität der Betreuung.
VI. Vertragliche Regelungen
Folgende Verträge11 bzw. Vereinbarungen sind erforderlich:
 Pflegevertrag (einzelne Bewohner/innen – Pflegedienst)
 Assistenzvertrag (einzelne Bewohnerrat – Assistenzdienst)
 Kooperationsvereinbarung (Pflegedienst – Assistenzdienst)12
 Kooperationsvereinbarung (Bewohnerrat – Pflegedienst – Assistenzdienst – Ge-meinde)
 Mietvertrag (einzelne Bewohner/innen – Gemeinde Ortenberg)
 Mietvertrag (Gemeinde – SoNO, das „Atrium“ betreffend)
Für die Dauer der Vorbereitungs- sowie Eingewöhnungsphase wird eine externe, unab-hängige Person mit der Moderation beauftragt.
VII. Zur Finanzierung des Projekts
Für die Finanzierung gelten folgende Grundsätze:
Die in der Wohngruppe anfallenden Kosten für Miete, Betreuung, Pflege und Organisation sind durch die Bewohner/innen zu tragen.
Der Gemeinderat hat im Juli 2016 beschlossen, die Mietkosten für die 12 Wohnungen zu subventionieren, so dass die Mietpreise den Kreismietpreis13 nicht überschreiten. Dadurch ist gewährleistet, dass einkommensschwache Bürger/innen den ihnen zustehen-den Wohngeldzuschuss nicht verlieren und in die Wohngruppe einziehen können.
11 Die Verträge konnten mit fachkundiger Unterstützung der Kanzlei von Prof. Dr. Klie, Freiburg, entwickelt werden.
12 SoNO bindet sein Betreuungsangebot an die Voraussetzung, dass der Bewohnerrat einen Pflegedienst auswählt, der bereit ist, eine solche Kooperationsvereinbarung abzuschließen. Von SoNO-Seite gehört dabei zu den Essentials, dass der Pflegedienst bereit ist, die Gesamtabrechnung der Betreuungsdienste mit den Kranken- u. Pflegekassen zu übernehmen und aus dem Erlös einen auskömmlichen Anteil an SoNO weiterzugeben. Beispiel Eichstätten: 1/3 Pflegedienst, 2/3 Betreuungsdienst).
13 Für einen Einpersonenhaushalt mit Nutzung von Gemeinschaftsräumen gelten im Ortenaukreis derzeit folgende Mietpreisobergrenzen: 476,67 € Kaltmiete, 546,67 Warmmiete. Die Flächenbegrenzung beträgt 45 qm + 5 qm Anteil an der Gemeinschaftsfläche, insgesamt also 50 qm.
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Die Kosten für die Versicherungen, Fortbildung und Supervision der Betreuerinnen trägt der Betreuungsdienst.
Eine Gesamtkostenrechnung wurde beim workshop (Oktober 2015) umrissen. Die Opera-tionalisierung ist in Arbeit und wird entsprechend den Bestimmungen des Pflegestär-kungsgesetzes (PSG II/2017) angepasst.
VIII. Zeitplanung
Die Zeitplanung bis zur Inbetriebnahme des Quartiershauses hat sich in der zurückliegen-den Zeit immer wieder verzögert, ohne dass SoNO darauf hätte Einfluss nehmen können.
Unsicherheiten in der Gesetzeslage und im Blick auf die Ausführungsbestimmungen des WTPG haben ebenso Planungsverzögerungen bewirkt wie die Klärung baurechtlicher Fra-gen.
Die Erteilung der Baugenehmigung für Herbst 2016 erwartet.
Mit der Inbetriebnahme des Quartiershauses kann im Sommer 2018 gerechnet werden.